Mittwoch, 6. Mai 2020

Mandorlo di Sicilia - bitte ohne Vino Santo


Cantuccini sind ein lustiges Gebäck aus Norditalien, das ich zum ersten Mal von meiner verflossenen Schwiegermutter kredenzt bekam. Herzhaft biss ich in das kleine krosse Etwas, was ich sogleich bereute, da das Ding mehr als kross, nämlich steinhart und äußerst staubig schmeckte. Glücklicherweise verfüge ich über starke und feste Beißerchen, sonst hätte mich das Abenteuer glatt auf die Liege von Dr. S., meiner Wiener Zahnärztin, katapultiert. 

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Lernfähig wie ich zuweilen bin, habe ich schnell verstanden, dass man Cantuccini entweder vornehm kabbert oder sie mit Café oder einem Glas Vin Santo genießt. Letzteres ist selbst mir Süßnase zu viel des Guten und so habe ich auch bei meinen späteren Aufenthalten in Norditalien stets den Café, am liebsten starken, schwarzen Espresso bevorzugt. Der Espresso ist auf diese Weise übrigens nach und nach Bestandteil meines Lebens geworden, pur schwarz, stark, ohne Gedöns wie Milch oder Zucker. 



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Die Cantuccini hingegen habe ich mit dem Verfließen dieser Schwiegermutter irgendwie vergessen. Und dann kam die Corona-Pandemie und die Zeit zu Hause wurde lang und meine Backkünste sind doch recht übersichtlich, so dass ich mich wagemutig eines Tages zwischen homeoffice, e-learning meines Kronprinzen und nach einem Artikel über Italiens Leckereien daran machte, Cantuccini selbst zu backen.Die Sache war gar nicht so schwer, erst das Rezept für blutige Anfängerinnen aus Mehl, Mandeln, Zucker, Eiern und Vanillemark getestet, mit nicht nur für mich überzeugendem Ergebnis.

Beim zweiten und dritten Versuch fügte ich kühn geriebene Zitronen bzw. Orangenschalen hinzu mit dem Erfolg, dass die Dinger noch schneller weggefuttert wurden als beim ersten Durchgang.

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Italien, Toskana, Florenz, oh wie sehr packte mich gerade in dieser Phase der Quarantäne die Reiselust und der Gusto auf Dolce Vita! Doch abgesehen davon, dass ich derzeit generell von einer Italienreisen absehen würde, hat doch Corona dort in einigen Landesteilen ordentlich gewütet und an vollständige Entwarnung ist meines Erachtens noch nicht zu denken, ist die Reisekasse, ebenfalls dank “Oasch-Virus Corona”, einstweilen zu dünn für eine Reise dieses Formats. Eine kleine olfaktorische kostengünstigere Reise versprach ich mir von Mandorlo di Sicilia aus der Blu Mediterraneo-Reihe von Acqua di Parma, also schnell eine Abfüllung organisiert. Bevor ich auf den Duft selbst eingehe, möchte ich kurz meine Erwartungen darlegen und was diese mit Cantuccini zu tun haben. Vor meinem inneren Auge hatte ich die bezaubernde Beatrice aus Il Postino oder die junge dralle Claudia Cardinale und einen pudrigen Mandel-Duft mit insgesamt dezenter, trockener Süße und leicht zitrischen Noten im Auftakt und einer moschuslastigen Basis. 


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Das entspricht mehr oder weniger einem Cantuccini in Duftform und wenn man die Duftpyramide von Mandorlo di Sicilia auf der Homepage von Acqua di Parma studiert:

Die Kopfnote: Sternanis, italienische Bergamotte, italienische Orange
Herznote: Grüne Mandeln, Ylang Ylang
Basisnote: Madagaskar-Vanille, libanesisches Zedernholz, Tolubalsam, Moschus*

Um es vergleichsweise kurz zu machen: ja, bekommen habe ich den Cantuccini - allerdings mit klebrigem  Vino Santo und letzteren hatte ich ja gar nicht bestellt! Mandorlo di Sicilia startet schon im Auftakt vollmundig süß, die gelisteten zitrischen Noten im Auftakt sind für meine Nase auf ein ebenfalls recht süßliches Orangenaroma reduziert, das mich entfernt an die Erfrischungsstäbchen in dunkler Schokolade erinnert, die ich als Kind manchmal bei meiner Oma naschte. In Windeseile tritt ein – leider ebenfalls süßer – Mandelakkord hervor. Die Süße konnte vom gelisteten Ylang Ylang stammen, ich habe mit Ylang Ylang sehr unterschiedliche Dufterfahrung, mal ist er blumig – üppig, mal eher blumig-vanillig, manchmal für meine Nase einfach klebrig. 

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Hier vermag ich es nicht zu identifizieren, wobei ich die in der Basis gelistete Vanille als eigentliche Übeltaterin verdächtige. Von Zederholz und Moschus bemerke ich nämlich nichts, das Ganze versackt für mich in einer recht einfachen zuckrigen Vanillemelange und lässt mich von Salzkräckern, sauren Gurken und Currywurst träumen. 

Aufgeben werde ich meine Abfüllung Mandorlo di Sicilia trotzdem nicht so schnell, vielleicht wird sie mir im kommenden Winter gut Dienste leisten und dann unter Wollpullover und mit warmen gefütterten Stiefeln an den Füßen ihren wahren Charme entfalten. Außerdem bin ich ob meines geografischen Potpourris vielleicht selbst Schuld, dass meine Erwartungen nicht erfüllt wurden. Zwischen der Toskana und Sizilien liegen nicht nur Kilometer, sondern sicher auch Welten. Eine toskanische Spezialität in einem als sizilianisch deklarierten Duft zu suchen war daher vielleicht von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Welche Düfte verbindet ihr mit Urlaub?
Bussis
Eure Kangourette


Montag, 27. April 2020

Support Small business 2: Lindenblüte von Harry Lehmann Parfum Individual


Eine Ablenkung vom wahren Leben, eine Flucht aus der Realität, das ist es, was sich Verleger Ernst Rowohlt von Schriftsteller Kurt Tucholsky in einem fiktiven Briefwechsel für seine Leser wünschte. Tucholsky erfüllte den Wunsch des Verlegers nach “einen leichten, sommerlichen Roman, vielleicht einer Liebesgeschichte” und schreibt einen seiner grössten Publikumserfolge: “Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte”*. Als Zaungäste reisen wir mit Ich-Erzähler Peter, genannt Daddy und seiner Freundin Lydia, genannt Prinzessin, nach Südschweden. Die unbeschwerte Sommerfrische gespickt mit Neckereien – teilweise auf Missingsch** -  wird durch interessante Besucher, nämlich Freund Karlchen und die erotisch anziehende Freundin Billie bereichert. Einen Riss bekommt die heitere Idylle als das Paar der kleinen Ada begegnet, die in einem nahe liegenden Kinderheim lebt und sich den Repressalien der Heimleiterin ausgesetzt sieht. Lydia und Peter nehmen sich des Kindes an und organisieren, dass es zu seiner (bisher ahnungslosen) Mutter in die Schweiz zurück kehren kann. 


Credit: Kangourette


Kaum ein Duft verkörpert das entspannte Nichtstun in “Schloss Gripsholm” für mich so sehr wie “Lindenblüte” von Harry Lehmann. Die (vermeintliche) Einfachheit dieses Duftes gepaart mit der Ästhetik und Stimmung der Weimarer Zeit, die selbst in der lockeren und sommerlichen Atmosphäre von Tucholskys Erzählung mitschwingt, bilden für mich eine stimmige Einheit. Dass sowohl die Marke Harry Lehmann als auch die beiden Hauptfiguren Peter und Lydia aus Berlin stammen (Lydia ursprünglich aus Rostock, wie wir schnell erfahren - Stichwort “Missingsch”), wo zudem die legendäre Straße “Unter den Linden” beheimatet ist, mag diese Assoziationskette bei mir verstärken.

Über Harry Lehmann

Harry Lehmann, Parfum nach Gewicht wurde 1926 in Berlin gegründet. Lehmanns Anliegen in den 1920er Jahren war es “auf Luxusverpackung und Werbung” zu verzichten, damit die Düfte “auch in der damaligen schwierigen Zeit erschwinglich blieben”. Diesem Konzept ist man bis heute treu geblieben. Aktuell ist das Geschaeft von Harry Lehmann in der Kantstraße 106, 10627 Berlin meines Wissens geschlossen, Bestellungen werde jedoch gerne per e-mail entgegen genommen. Weitere Informationen findet ihr unter www.Parfum-individual.de


Mittwoch, 22. April 2020

Support small business 1: Pai Skincare


Support local brands, bzw. small business - zu Deutsch: kleine Unternehmen und Erzeuger unterstützen ist ein Gebot, das mir in der Corona Krise mehr denn je bewusst geworden ist.  Sicher könnte man bequem Produkte bei grossen Online-Anbietern wie Amazon ordern, doch zahlt dieser keine Steuern hier im Land, was unter anderem bedeutet, dass Leute wie Amazon-Besitzer Herr Bezos keinen einzigen Penny für das Krankenhausbett, in dem seine Mitarbeiter landen könnten, zahlt. Hinzu kommt wie mehrfach publik wurde, dass in den Lagern von Amazon nicht ausreichend auf angemessenen Schutz vor Corona geachtet wird.* Der Mensch als Ware, die bei mangelnder Funktionalität ausgetauscht wird – das möchte ich nicht unterstützen.


Credit: Kangourette

Ich fange mit (m)einer Basiswaffe in Sachen Pflege aus dem Bereich der Naturkosmetik an, dem Rosehip BioRegenerate Oil der britischen Marke Pai Skincare. Das Öl wird - wie ich finde zurecht - von Fans als Kultprodukt gehypt. Schon seit mehr als vier Jahren ist es Dauergast in meinem Bad und ich kann nicht mehr rekonstruieren, wie oft ich es inzwischen nachgekauft habe.

Donnerstag, 9. April 2020

Empfindsamkeit im Frühling




Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den süßen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen genieße. Ich bin allein und freue mich meines Lebens in dieser Gegend, die für solche Seelen geschaffen ist wie die meine.



Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther, Brief  vom 10. Mai 1771. 


Sonntag, 5. April 2020

Durch die (Klo-)Rolle betrachtet: Olympea Intense


Wenn uns die Corona-Krise eines beschert hat, dann unzählige Witze über Hamster und Klopapierkäufe. “Bleib zu Hause, rette Leben” und “flatten the curve”, die Mottos der Stunde haben das gesamte gesellschaftliche Leben lahm gelegt. Kaum eine/r erlebt dies nicht als Grenzerfahrung - allein mit sich selbst – oder mit Kind und Kegel in den eigenen vier Wänden, wo nebst homeoffice auch Schulbildung und jegliches Socializing abzulaufen hat. 




Credit: Kangourette




Nachdem alle brav gelernt haben, wie man sich ordentlich die Hände wäscht – ich hatte ja schon immer die Befürchtung, dass das Vielen nicht ganz geläufig ist - wurden Keller ausgemistet, Serien im Akkord geschaut, Fenster geputzt und erste Versuche in Balkonkonzerten gestartet. Außerdem bezeugt der knallvolle Glascontainer wenige Schritte von unserem Haus entfernt, dass man in der Nachbarschaft Wein und Sekt offenbar gerne und großzügig zuspricht. So weit so gut, aber die Auseinandersetzung mit dem, was sich ”da draußen” tut, bleibt unangenehm, ist dramatisch. Es ist wie ein Dialog im Dunkeln, bei dem man das Gegenüber schmenhaft erahnt, aber nicht vollständig sieht.







Ich ertappe mich derzeit dabei, dass ich an Tagen, an denen ich Parfum auflege besonders gerne zu schmeichelnden, warmen Düften greife. Orientalische oder Gourmand-Noten verleihen wahrscheinlich zusätzlich Geborgenheit in einer Zeit, die ich manchmal als schwer erfassbar empfinde.









Freitag, 28. Februar 2020

Abendsegen in der Hosenrolle: Ereve


Willkommen im Jahr 2020 liebe Kangouretten! Nach einem erschreckend milden Januar befinden wir uns nun in einem frühlingshaften Februar mit Vogelgezwitscher und zaghaft aber wahrnehmbar blühenden Blumen in Gärten und Parks. Wo normalerweise trübes Wetter und Schneematsch vorherrschten, bemerken wir nahezu an allen Ecken, dass wir uns dank Klimawandel seit Wochen auf der Zielgeraden in den Frühling befinden. So schön es jetzt ist, so sehr können wir damit rechnen, dass uns erneut ein extremer Sommer bevorsteht, der nicht nur die Natur und Tierwelt, sondern  auch Leben und Gesundheit vieler Menschen negativ beeinflussen wird….


Credit: Kangourette

Aber widmen wir uns nun wieder einem der Lieblingsthemen dieses Blogs: Den Düften! Gerade in der diesjährig (verfrühten) Übergangsjahreszeit - gepaart mit dem Todestag meiner Grossmutter - trage ich besonders gerne das melancholisch schöne Ereve der russischen Duftmarke Myropol. Ereve bedeutet Abend und in Gedenken an meine Oma, die als junge Frau Ballet-Tänzerin war, bringt mir Ereve den bittersüssen „Abendsegen“ aus Engelbert Humperdincks Oper Hänsel und Gretel in Erinnerung.