Sonntag, 8. November 2015

Jenseits von Stepford: Coco von Chanel

Als ich gestern einen kleinen Artikel in der Zeit online über den Londoner Nebel, der zuweilen sogar den Flugverkehr lahm legt, las, erinnerte ich mich plötzlich an ein Dufterlebnis, ja, eine Duftentdeckung, das bzw. die ich mit einer bestimmten Londonreise verbinde.


Collage: Horex Ballo


There must be another Chanel



Kurz nach den Weihnachtsfeiertagen stand ich vor vielen Jahren in einem Duty Free- Shop am Frankfurter Flughafen. Die Reise sollte über Silvester nach London gehen, mein damaliger Partner hatte uns vor lauter Flugangst eine äußerst unruhige Nacht beschert. Voller eigentlich freudiger Anspannung ob der anstehenden Tage in GBs Hauptstadt aber auch todmüde und somit in einem Ungleichgewicht zwischen Adrenalin und aufgedrehter Müdigkeit, entfloh ich dem zitternden Etwas neben mir kurrzeitig und spazierte in den Shop. Meine damaliger Lieblingsduft und der einzige, den ich trug war Chanel No5. Überfordert ob der vielen angebotenen Marken und Duftwässerchen steuerte ich das Chanel-Regal an, schließlich hatte ich schon immer mal gucken wollen, was es außer der magischen Fünf noch von Mademoiselle Chanels Hausmarke gäbe. Schwarz, eckig mit weiß-goldenem Logo strahlte mich Coco aus dem Regal an und ich erinnerte mich – ja, da gab es doch diesen Spot mit Vanessa Paradies im Vogelkäfig! Also rauf auf die Hand damit und uih, ein absolut anderes Kapitel als "le cinq".



Kleine Verwechslungskomödie: Orwell statt Ira Levin



Ich bildete mir ein, einen Flakon von Coco im Film "The Stepford Wives " auf der Waschbeckenablage der Hauptfigur Joanna Eberhart, gespielt von "meiner" angebeteten Katharine Ross gesehen zu haben. Schon allein daher war Gegenwehr zwecklos, Coco musste mit. Erst später habe ich meinen Irrtum bemerkt, die Verfilmung von Brian Forbes stammt aus dem Jahr 1975, Coco kam jedoch erst 1984 auf den Markt. Also definitiv jenseits von Stepford ist Coco ein Kind aus Orwells Jahr und bietet ein florientalisches Bouquet, das im Gegensatz zu Orwells 1984 keine Alpträume und Beklemmungen auslöst.


Wie riecht Coco?



Via: https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEjJ3PT89wFgv_FIbj9um7iNaq_aQ1pBmR5Qhdg7xtnO1R7Wi1lUYFkD4K-l4b3kqYWKb6YXQX6RZZjgfENSSJMHZuiXcO-f90WdhP8JeeB7_g2hvqwlBKyAQfY1RYWjqVoQ8kZEkpw6kRHc/s1600/vanessa2_.jpg


Blumig fruchtig ist der Auftakt vor einem bereits zu erahnenden balsamisch- harzigen, ja, orientalischen, Hintergrund. Die Leichtigkeit der Orangenblüte, Pfirsich und tropischer Frangpani wird von den hinzugefügten Aldehyden bestimmt, die im bekannten Schwesterduft No 5 so eine entscheidende Rolle spielen. Sie erinnern mich an schwarze oder cremefarbene Spitze, päsent, doch transparent. Jasmin und Rose gesellen sich leise und anmutig dazu und verbleiben wispernd im Hintergrund. Gewürze – darunter Gewürznelke - und wagemutige Harze treten leicht ledrig hervor und verbinden sich pudrig mit Tonkabohne und dem in der Basis schnurrenden Patchouli und Sandelholz. Schwarz, samtig und anschmiegsam wie eine ebensolche Katze schleicht Coco immer wieder sanft um ihre Trägerin. Auch Katzen sind nicht immer zu "verstehen", sind sehr eigenwillig, sehr erhaben und bekanntermaßen Einzelgänger. Coco besitzt die gleichen Eigenschaften, sie "erzählt" ihre Geschichte nicht auf Anhieb, sondern gibt ihr Geheimnis nur zögernd stückchenweise Preis.


Kein Crowdpleaser



Coco riecht man im Alltag nicht oft, es ist kein "Crowdpleaser" den sich hippe junge Frauen gegenseitig in Parfümerien aufsprühen und vor Freude aufjauchzen. Diesen Duft habe ich wenn überhaupt, dann stets an sehr speziellen Frauen gerochen, quer durch alle Altersklassen. Coco-Trägerinnen scheinen im Stillen einen Vertrag mit ihrem Duft eingegangen zu sein, der darauf beruht, nicht zu viel Worte um das Offensichtliche zu machen, nämlich dass ein pudrig, blumiger Orientale von erlesener Qualität weit über Modetrends steht.


Coco im (duften) Kontext



Via: http://www.horizont.net/marketing/nachrichten/-HM-Vanessa-Paradis-beerbt-Lana-del-Rey-112494


Chanel Coco wird häufig als "Antwort" des Hauses Chanel auf den grandiosen Erfolg von Yves Saint Laurents Skandalduft Opium, der eine Duft-Welle von intensiven orientalischen Düften auslöste, gewertet. Ihn nur als "Modeduft" und Nachzügler zu bezeichnen, was unter anderem dem weitaus unbekannteren Cinabar von Estee Lauder beschieden war, wird Coco jedoch keinesfalls gerecht. Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass, wenn Opium Assoziationen zu Marrakesch weckt, Coco eindeutig nach Venedig führt-. Ein Vergleich, dem ich nur zustimmen kann, wobei es für mich nicht und das hoffnungslos überlaufene Venedig, das die meisten von uns kennen ist, sondern das der geheimnsivollen Masken und schweren Samtumhänge sowie der nächtlichen Bälle in prunkvollen Palazzi ist.

Coco war der erste Duft, der nach dem Tod von Coco Chanel unter der Leitung des damals noch jungen Karl Lagerfeld lanciert wurde und gilt heute als Klassiker. Auf der Chanel-homepage steht, Coco spiegele Gabrielle Chanels Vorliebe "für das Barocke" wieder und vereine Gegensätze wie Mademoiselle Chanel persönlich sie an den Tag legte. So prägte Chanel einerseits einen sehr puristischen Modestil, ließ ihre Neigung für barocke Ästhetik in die Gestaltung ihrer Schmuckstücke und Accessoires sowie die Einrichtung ihres Appartements einfließen.

In den frühen 2000er Jahren, als ich ein früheres Lebenskonzept samt No5 hinter mir gelassen hatte, wurde ich zu endgültigen Coco-Konvertitin - und bin es bis heute.

Kenn Ihr Coco von Chanel? 
Bussis 
Eure Coco- eh, Kangourette



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen